Kalligrafie

Fraumage an Ingeborg Bachmann

25.06.2026

Weltkino

Jemand, der einmal ich war

Dokumentarfilm (102 min) von Regina Schilling

Kamera: Johann Feindt 

Schnitt: Carina Mergens

Darstellerin: Sandra Hüller



»Und immer heißt einer Hans«, sagt Undine in Ingeborg Bachmanns Das dreißigste Jahr. Das Übliche. 

»Ich musste das weibliche Ich ersticken, um als männliches Ich zu überleben«, sagt Ingeborg Bachmann in Regina Schillings Film Jemand, der einmal ich war. Damit sie unter den Literaten der Gruppe 47 Akzeptanz erfahren durfte, möchte ich nach der Filmvorführung hinzufügen.

Sieh nur, wie diese männlichen Blicke Unverständnis ausdrücken, als sie, als Ingeborg, als die Bachmann endlich ausgezeichnet wird. Das Archivmaterial spricht Bände verunheimlichter Frauengeschichte. Wenn Ingeborg in Regina Schillings Dokumentarfilm in die Kamera blickt, erkenne ich das erste Mal eine Facette ihres Wesens, die mir bislang verborgen geblieben war: ihre Ambiguität, ihre Nonbinarität in der damaligen, der ihrigen, der irrigen Zeit, in der es noch keine Benennung dafür gab. In einer der Montagen aus dem Archivmaterial erzählt ein Literaturkritiker auf die Frage, warum es in der deutschen Literaturlandschaft zwischen Droste-Hülshoff und Bachmann höchstens 13 weibliche Schriftsteller gäbe, etwas davon, dass der Beruf des Schriftstellers »ungewöhnlich für Frauen ist, die üblicherweise mehr für den Haushalt geeignet sind.« 

1962 behandeln die Ärzte Ingeborg Bachmann als alte Frau, als eine in den Wechseljahren, das Übliche. Mit 36 Jahren stellt man ihr bereits die Weichen für das Abstellgleis. Das nennt man Misogynie auf hohem Niveau. Das Übliche.

Regina Schilling öffnet den Blick für das Verborgene, in die Abgründe, in die römische Schmerz(g)lücke, in das Unvermögen des Zusammenlebens zweier Schriftsteller, in die Eingeweide, in die endgültige Abtötung des Weiblichen durch die Hysterektomie nach der Trennung von Max Frisch. Die Entfernung von Ingeborgs Gebärmutter führt zum Triumph des Männlichen. 

Bei der Weltpremiere im Münchner Deutschen Theater im Rahmen des Dokumentarfilmfestivals nannten die Regisseurin und die Moderatorin Ingeborg eine starke Frau. Für mich bleibt sie nach dem Dokumentarfilm Jemand, der einmal ich war nicht nur semantisch ein Mann, der seine weibliche Seite verleugnen musste, um unter Männern bestehen zu können. ER steckt schließlich schon im Familiennamen Bachmann. In manchen Kameraeinstellungen rollt diese Person die Augen derart verzückt gen Himmel, dass sie mich an ekstatische  Heiligendarstellungen erinnert. 

Sandra Hüller mimt diese Ingeborg mit ebenbürtiger Ambivalenz.  In diesen Tagen läuft der Kinofilm Rose an, in dem sie einen Mann spielt: die hohe Kunst der Metamorphose einer Schauspielerin in der Gegenwart. Ingeborg Bachmann vermochte durch das Schreiben der ihr übergestülpten Hülle zu entfliehen. Sandra Hüller streift nach neun Drehtagen in Rom diese Rolle wieder ab und gleitet in die nächste. Das ist Professionalität.


Nach der Filmpremiere im Deutschen Theater geleiteten frische Blutstropfen auf den marmorierten Steintreppen die Zuschauer*innen in das Foyer. Kein Theaterblut. Hier hatte eine Medusa Aderlass begangen. Das Sinnbild der Fruchtbarkeit liess Blut perlen, das jemand - womöglich das Sujet - zum Überschäumen gebracht hatte.


Und ich dachte an Florentina Holzinger, die indes als Glockenschlägel vor dem österreichischen Pavillon auf der Biennale in Venedig kopfüber baumelte und die gestundete Zeit in der Vertikalen anschlug.


Heute wäre Ingeborg Bachmann 100 Jahre alt geworden. Ihre  Prosa und Lyrik sind von unverminderter Aktualität und literarischer Qualität. Der Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt hat heute ebenfalls begonnen. Gespanntes Warten auf Weltliteratur. Auch Regina Schillings Film über Ingeborg Bachmann läuft heute in den Kinos an.  Autor*innenschaft erzählt in Bildern. Dank sei dem Weltkino-Verleih. 

©sbf2026