Die Stücke der Windrose von Mauricio Kagel in einer konzertanten Aufführung des Ensembles der/gelbe/klang, dirigiert von Vladimir Jurowski, dem Generalmusikdirektor des Bayrischen Staatsorchesters.
»Der Komponist Mauricio Kagel war gebürtiger Argentinier mit osteuropäischen Wurzeln, der in Deutschland lebte. Ihm stand eine Schatztruhe unterschiedlicher Kultureinflüsse zur Verfügung, aus der er Inspiration für seine Kompositionen schöpfte. Die Stücke der Windrose ist eine Komposition für Orchester und Stehgeiger und Geografie für Fortgeschrittene. Die Bestimmung der Himmelsrichtungen sagt viel über den eigenen Standpunkt aus. Kagel hat die einzelnen Fragmente Nordosten, Osten, Südosten, Süden, Südwesten, Westen, Nordwesten, Norden in dieser Reihenfolge zwischen 1988 und 1994 komponiert, jedoch nicht vorgegeben, wo der Anfang ist.«
(Vladimir Jurowski)
Je nach Standpunkt kann die Kompassnadel nach Nordwesten oder Nordosten zeigen. Schon hebt sich der Taktstock aus dem matten Schwarz des Bühnenraums, und der Bogen der Cellistin streicht über die Saiten des Violoncellos. Am Klavier setzt eine waschbrettgrimmige Partitur an, wird durch den lieblich verspielten Refrain der Klarinette unterbrochen. Der prägnant gezupfte Kontrabass begleitet die gehämmerten Klaviertasten. Geigen setzen ein, gleiten die Tonleiter verspielt hinauf, begleitet durch das Crescendo eines Harmoniums. Das Klavier setzt vibrierende Tupfer, schwingt in einen Walzer über, schon wähnt man sich in einer Revue, gleich sind wir in Babylon Berlin; im Hintergrund beschwert sich keckernd das Violoncello, blafft die Klarinette, imitiert eine Trompete und mimt den Elefanten. Sind wir schon in Indien? Eine Flöte setzt Kontraste, Klavier und Klarinette erheben sich zu aufbrausendem Klang, hinterlassen eine Reminiszenz an ein Musical und entschwinden sogleich im himbeerfarbenen Klang des Schlagwerks in die Sphären tibetanischer Klöster, ehe das Klavier wieder den Rhythmus bestimmt und ein Kater sich langsam vortastet. Schon bricht das schraffierende Dissonanzenchaos ein. Tastenschläge wie Pfoten, allmählich, slow motion, im Resonanzkörper des Klaviers in Zeitlupe ausklingend.
Ein Tastenanschlag, das zarte Tippen der Fingerkuppen setzt eins drauf, geht über in akut gezupfte Saiten. Berstend schmettert es plötzlich durch den Raum und klatschend schwappt der Klang über zu einem Trommeln mit der Hand im Zickzack auf Holz. Oh weh, oh weh, eine Sirene brilliert vibrierend. Stille. Ein zartes Kräuseln der Töne, jetzt traben Hufschläge zwischen Styropor und Stehgeigen heran, ein Klavierstreich kommt zum Einsatz. Ohhhh, pfeilgerade, Absturz, Serpentinenzickzack mündet knackig in ein Jeté, ein Fußtritt, ein Gong. Auf einen Schlag der Anstieg im Ganzen. Der Percussionist schwingt die Hufe, dazu setzen Klavier, Cello, Viola und Violinen in hohen Tonlagen ein. Tönerne Windschwingungen, gequälte, schrille Gegentöne, eia, aua, so eisig stechend sind Cirruswolken. Ach, och, herrje, raunt die Klarinette. Schwarze Tasten klimpern gegen weiße Anschlagfarbe. Fehlfarben. Die Klarinette grätscht dazwischen, eine Grille zirpt, das Flattern eines Flügelschlags, das Trompetenhorn des Jupiter wird übertönt vom Elefantenrüssel. Jäh unterbrochen durch vorwitziges Tirilitirila, zarte Tastenanschläge, eine Terz höher divergieren die Streicher im Crescendo mit zartem Klopfen und Schlagen auf Schlagstock. China und Geishas in Südwest vermengen sich wahllos, aber reichlich in Fließendes. Die Schlägel klöppeln, eine Büchse scheppert. Stopp, sagt die Klarinette. Das Klavier setzt ein, die Klarinette imitiert Zapfen, Klaviertremolo, Geige, Cello, Kontrabass melden sich im Dreiklang zu Wort. Styropor knistert stichelnd, Perlen kullern, Wind kommt auf, verfängt in einem zusammengeknüllten Blatt Papier. Jemand klopft, entfaltet vehement und eindringlich, die Infanterie rückt an, sirenenartig warnt die Flöte. Stockschlag, Taktgeber, lieblich Bärengebrüll kommt näher. Brunftzeit. Ein Röhren, weit entfernt tropft Wasser. Schreie: Hey, hey, wo sind wir denn im Trommelwirbel? Metallbecken schwingen schmetternd durch die Luft, abrupter Abbruch, etwas fällt herunter. Klatschen.
NORDOSTEN. OSTEN. SÜDOSTEN. SÜDEN. SÜDWESTEN. PAUSE.
»Kagel schöpft seine Kompositionen aus dem Fundus indigener Instrumente. Das ist keine Aneignung, sondern Polystilistik. Er bleibt bei sich selbst« (Vladimir Jurowski)
WESTEN. NORDWESTEN. NORDEN.
Nervöse kurze Tastenanschläge, hin und her. Klarinette drängt sich zwischen Regentropfen, wird verdichtet durch Geige, Cello, Kontrabass und Schlagzeug. Hau drauf! Rhythmus vor Refrain. Ein hohles Klopfen rundet ab. „Hey, Hey, geht‘s noch?“, raunen die Streicher. Die Klarinette quetscht sich quasselnd dazwischen. Dissonante Discordia. Treppenstufen rauf- und runterhüpfend raunt das Cello: „Denk an die Tonleiter!“ Xylophon trommelt wie Kodo durch den Raum: Tada da da tata do. Punkt, Punkt, glucksend stahl die Marimba das Vibraphon: „Hallo ist hier jemand?“ ES drängt tapsig durch den Kreis. Hohlklopfend das Becken der Klangschalen. Stufe um Stufe hämmert das Klavier ranzig raunend quetschkommodig, dem Crescendo zugeneigt. Voran macht sich einen Weg im Spielsatz, expandiert klar im Resonanzkörper bis: „Jetzt reicht’s“, faucht die Klarinette dazwischen; alle regen sich auf, das Violoncello wird ausfällig. „Neu jetzt, oder?“ „Streich, streich, zapf die Zeche“; die Töne stehen zu Gesicht in wilden Strichen wie zur Tagzählung in Gefängniszellen. Hufschlag, blasses Blubbern, Untergang. Leise streicht der Pinsel über das Trommelfell. Heh, sagt das klimpernde Klavier, die Klarinette jault dazwischen, grient: „Och, jetzt wird’s filmisch.“ In der Wüste schlängelt sich eine Sandviper seitwärts den Hang hinauf; Vögel flattern auf, fliegen weg, warnen einander. Der Bär wackelt tapsig den Hang hinauf, darauf die Seherin mäandert stetig, Krone punktiert, huch! Hin und auf in die Stenografie der Wellenförmigkeit. Keuchend kreppt die Glücksfee, genießt das Glucksen. Huhu, huch, wieviel Angst im Arm bis zum mehrmaligen Anschlag, schon legt sich das nervöse Getapse auf die Lauer, absprungbereit, nun wird es endlich – Mundharmonika beendet das Drama, obwohl die Tapser weiter voranschreiten, während die Ameisen völlig aufgewühlt durcheinander rennen. Klarinette ist jetzt oben. Klavierend tapst die Mundharmonika voran. Ga, go, soweit. Geht ja nicht!
Geht gut. Auf und ab Glimmer, gestricheltes Gekurve. Gewitter im Anmarsch, akute Töne klingen leise aus. Hektik, Mensch taktet in 2/3, 4/8, ¾, 5/8, 6/8 – oder Besen klammert sich quengelnd an Flöte hell so blau: „Geh nicht weg!“ Zirkel enthäutet die Kuhglocken im Humus, anyway, mal ehrlich, ähnliche Klangkleckser ... Sind wir schon im Norden? Knirschende Dissonanzen schweifen ab. Lieber dunkel ohne Atom. Trilobular, umami, Madame hacke, bete, Hackepeter; zwetschgengestreuselt klagt, haut, hämmert die Person massiv durch Almas Diskordanzen. „Ju, juhu, es schneit!“, kehlköpft der Rhythmus der Gezeiten. Afrika schreitet voran. Geraune. Punkt. Klatschen.
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Ein Schlag auf Metallblech: einmal, zweimal, dreimal, viermal, fünfmal, sechsmal, beim siebten Mal köpfend auf blauer Rhapsodie. Konzertante Einstimmigkeit der Instrumente. Bienengesumse und Geschrei im Indian Summer. Spielt das der Innenraum? Wer stapft wo auf Holz? Auf dem Dachboden, vielleicht im Schiffsbauch, oder Schuhplattler im Laderaum, Planke, gequältes Gesumme schmiert ab im Raum. Klimperdipimper, streich schiefe Klingen, weiter zu Trommel- und Stockschlag. Geraune, womöglich vor dem Buckingham Palace. Da kommt ein zarter Schritt, ein Staubwirbel, fliegende Libelle pirscht sich frech heran, dreimaliges Aufschlagen, gleich öffnet sich das Tor, die Angel glückselig aushebend. Geht alles durcheinander, querfeldein durch die Beete. Da kommt die Queen in der Kutsche über Steinkopfpflaster. Holterdipolter, quetsch mich ein. Feldein, feldaus, dazwischen Gemunkel, ein flüsterndes Nachäffen. Stockschlag ruft zur Ordnung. Pfiff. Zwitschern. Die Vogelpfeife neben klaren Streichern. Saitenanschlag dissonant enervierend, schon wieder! Ja. Aus.
Trauernd, jammernd, klirrend tanzen zehn Finger. Windmetall scheppert im Wirbelsturm, steigert sich in rot, röter am rötesten, noch, nöcher am nöchersten, bis zum mehrmaligen Überschlag, dann winden sich Seilschlingen hinab. Drummer imitiert gepflegt den Rollton. Der Stock klopft auf den Boden: einmal, zweimal, dreimal. Gedämpfte Klarinette lässt den Ton vertikal zirkulieren. Erneuter Stockeinsatz: einmal, zweimal … die dritte Geige, Cello und Kontrabass bäumen sich auf, wehren sich gemeinsam. Wieder der Stockeinsatz: tief, tiefer, Schlagzeug. Zickzack, zickig zackig schwirren die Farbtöne in unterschiedlichen Oktaven durch den Raum. Schrilles Geklatsche, Geraune, die Streicher reagieren darauf nervös. Wohin gehen die Töne, wenn sie nicht entweichen können? Jetzt wird’s untertonig, das Klavier bricht eine Oktave tiefer vibrierend durch. Ach, was soll das nun wieder? Steigen wir hinab in Blaubarts Leichenkeller, oder besser angsterfüllt dem Keller entweichen, obwohl das Universum dort unten fröhlich verlockend, flüsternd flötet: „Tonalität gefährdet den Sound.“ Zum Bersten angespannt, zu all dem macht sich der Reim … der Refrain, ein Blatt Papier im Wind gebogen, geflogen, schon schmettert die Klarinette, klatscht der Teppichklopfer zum Missfallen des Violoncellos. Jetzt wird es anstrengend, weil alle Instrumente gleichzeitig Hektik verbreiten. Ich sehne mich nach Stille. Warum ist das denn so anstrengend im Norden, heult die windgepeitschte Klarinette auf. Zier dich nicht, so klatscht nun mal des Meeressaumes Wasser im Wellengang. Tod der Klarinette, die da immer nachmault! Den letzten Ton haben nochmal die Wellen, jetzt schlägt’s 13, metallblätterner Absturz. Der Norden ist nicht mehr. Der Eisberg bricht ein, dreht sich, stürzt ab in Schallgeschwindigkeit. Wirbel, Waschbrettgeschrammel. Die Klarinette führt den Ton noch tiefer in die Kungelei, schon reißt das Geklimper entzwei. Die Tonalität, die Enge, gesellt sich nörgelnd zur brummenden Klarinette in D-Moll. Auf einen Streich die Geigen im Reigen. So ein Zoff! Glocken schellen schrill, schon klopft Arvo Pärt zur tabula rasa an. Doch daraus wird nichts. Zart bleibt die beschlagene Szenerie glöckern stehen. Nichts als weißes Schweigen.
APPLAUS.
©sbf2026
Das Konzert fand am 10. Juli 2026 im Schwere Reiter München statt und wurde am 22. September 2026 in BR Klassik Radio ausgestrahlt. Die Klangbeschreibung folgt meinem Gehör und meinen Empfindungen während der Radiosendung.